Wie man Vergangenheit neu erfindet

Dorothée Aschoff - Wie man Vergangenheit neu erfindet

Wie man Vergangenheit neu erfindet

‚Schlitten‘, ‚Ziehwagen‘, ‚Ackerschiene‘, ‚Feldgerät‘ – so oder so ähnlich benennt die Bildhauerin Dorothée Aschoff ihre Malerei und ihre plastischen Arbeiten.

Boot, Ziehwagen, Feldgerät, Ackerschiene – dabei scheint es sich um Dinge aus der Alltagswelt bzw. um einfache Gebrauchsgegenstände zu handeln. Es geht offensichtlich um (Fort) – Bewegung: Schlitten und Boot, um (Erd) – Bearbeitung: Feldgerät, Ziehwagen, Pflugscherben. An Aufbruch, Reise und Ankunft des Menschen ließe sich denken, doch nicht aus historistischer bzw. analytischer Perspektive wird diese lange Geschichte erzählt, sie wird vielmehr in der zeitlos unbestimmten Sicht mythischer Bebilderung plastisch gemacht.

In der Malerei, z. B. der Serie „Köpfe“ geht Dorothée Aschoff von der skulpturalen Grundform, nämlich der Kugel aus. Die „Köpfe“ strahlen eine merkwürdige Entkörperlichung aus, sie changieren zwischen Larve und Gesicht, denn sie bleiben metaphorisch unbestimmt.

Auch die plastischen Objekte wirken wie gestrandetes, geborgenes Treibgut aus dem versiegenden Mythenmeer, sie wirken tatsächlich wie eigenartige Findlinge aus der Welt der UrGeschichte(n). Doch es handelt sich nicht einfach nur um ästhetische Nachbauten von archälogischen Fundstücken, die Objekte demonstrieren die existentielle Bedeutung einer Dingwelt, die dem Menschen im „realen“ Verlauf der Historie abhanden gekommen ist.

In dem unspektakulären Material, mehrlagigen Papierbahnen, die mit Weizenstärke verfestigt werden, liegt ein subtiler Einspruch gegen eine Tradition der Bildhauerei, die mit Materialien wie Metall oder Stein monumentale Wirkungen erzielt und damit ein Überdauern im Zeitlauf suggeriert. Gegen verstaubtes Herrscherlob auf Mamorsockeln setzt diese Bildhauerei auf universelle Symbolik und bringt Erinnerungswürdigkeit mit Gebrauchsfähigkeit und Poesie in Verbindung.

Doch auch das leichtgewichtige Arbeitsmaterial hat eine überraschend monumentale Wirkung. Monumentalität ist Behauptung, so scheint es, ist bloß ästhetischer Schein, denn Verletzlichkeit steckt hinter der monumentalen Geste. Das scheinbare Gewicht dieser Arbeiten aus Papier hat zudem eine raffinierte Entsprechung im „trompe d’oeil’-Effekt in der Malerei.

„Nur als ästhetisches Phänomen ist die Welt gerechtfertigt“, an dieses Diktum Friedrich Nietzsches aus der „Geburt der Tragödie“ könnte man sich erinnert fühlen.

Doch Dorothée Aschoff geht es wohl weniger um die Wiederbelebung des Mythos in der Moderne, sondern vielmehr darum, ästhetische Verweise herzustellen, die sich aus dem reichen Konnotationsschatz des archetypischen Formenkanons entnimmt. Sie betreibt eine Art von hintergründigem Nachspiel(en) der alten Urszenen auf dem Feld der bildenden Kunst, vielleicht – damit der Betrachter in der Zeit so etwas wie Stille wiederentdecken kann und mit der Zeit erkennt, was für die Arbeit der Erinnerung wirklich wesentlich ist.

Wolfgang Heger, Stuttgart.

 

Homepage von Dorothée Aschoff

 

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